Im Jahr 2020 ging der Gebrauch oraler Antibiotika im Vergleich zum Vorjahr um -23 % zurück
01.12.2021 - Berlin Gradl GEnners SKieble M
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Antibiotika, die in den öffentlichen Apotheken abgegeben werden, machen den Großteil der gesamten Antibiotika-Anwendung in der Humanmedizin in Deutschland aus [1]. Bei dem Gebrauch von systemisch wirkenden Antibiotika im ambulanten Bereich war in Deutschland in den letzten Jahren ein Rückgang der Abgaben zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu verzeichnen. Er hat sich von 14,5 definierten Tagesdosen pro 1.000 Einwohner und Tag (DID) im Jahr 2013 auf 11,4 DID im Jahr 2019 verringert [2]. Im Jahr 2020 kam es zu einem weiteren Rückgang, dessen Ausmaß mit einem allgemein verminderten Infektionsgeschehen aufgrund der Einführung von Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung zur Eindämmung der COVID-19 Pandemie im März 2020 erklärt werden kann [3,4]. Auch in anderen Ländern wie Portugal oder Südkorea war es zu einem stärkeren Rückgang des Gebrauchs von Antibiotika im Pandemiejahr 2020 gegenüber den Vorjahren gekommen [5,6]. Eine Auswertung der Techniker Krankenkasse für Brandenburg konnte zeigen, dass die Antibiotika-Verordnungen in 2020 insbesondere für Erkältungskrankheiten stark rückläufig waren [7]. 
Um den Rückgang der Antibiotika-Abgaben im Jahr 2020 genauer zu untersuchen und im Vergleich zu den Änderungen der Vorjahre zu bewerten, hat das DAPI eine Auswertung der Abgaben oraler, systemisch wirkender Antibiotika-Gruppen zulasten der GKV in öffentlichen Apotheken in den Jahren 2018 bis 2020 durchgeführt und die Jahreswerte verglichen (siehe Grafik). Gemessen wurde der Gebrauch in abgegebenen Packungen pro 100.000 GKV-Versicherte. Der Gebrauch aller untersuchten Antibiotika war im Jahr 2020 im Vergleich zu dem des Vorjahres 2019 um -23 % zurückgegangen. Auch für das Jahr 2019 war ein Rückgang zu beobachten gewesen, dieser war jedoch geringer ausgefallen. Er betrug im Vergleich zum Jahr 2018 nur -7 %. 
Der Gebrauch von Makroliden/Lincosamiden (-30 %) und Cephalosporinen (-29 %) nahm im Jahr 2020 gegenüber dem Vorjahr am deutlichsten ab. Auch für die Penicilline (-22 %), Sulfonamide und Trimethoprim (-19 %) sowie Tetrazykline (-16 %) konnte ein deutlicher Rückgang verzeichnet werden. Beim Vergleich der Werte des Jahres 2019 mit denen des Jahres 2018 war ein geringer Rückgang für die Makrolide/Lincosamide, Cephalosporine und Tetrazykline zu sehen (jeweils -9 %), während es bei den Penicillinen und den Sulfonamiden in diesem Zeitraum zu einem geringen Anstieg kam. Der Gebrauch der Chinolone nahm in beiden Jahren 2020 (-24 % gegenüber 2019) und 2019 (-38 % gegenüber 2018) erheblich ab, was vermutlich unter anderem mit dem im April 2019 veröffentlichten Rote-Hand-Brief zu Anwendungsbeschränkungen von Fluorchinolonen in Zusammenhang steht [8]. Beim Gebrauch der übrigen Antibiotika konnte in den drei Jahren der Beobachtung keine wesentliche Änderung festgestellt werden. In dieser Gruppe wurden Fosfomycin, Nitrofurantoin, Nitroxolin und Linezolid zusammengefasst.

[1]   Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie e.V. GERMAP 2015 – Bericht über den Antibiotikaverbrauch und die Verbreitung von Antibiotikaresistenzen in der Human- und Veterinärmedizin in Deutschland. Rheinbach: Antiinfectives Intelligence, 2016.
[2]    European Centre for Disease Prevention and Control. Trend of antimicrobial consumption by country. 22.08.2019. https://www.ecdc.europa.eu/en/antimicrobial-consumption/database/trend-country. Letzter Zugriff 21. September 2021.
[3]    Enners S, Gradl G, Kieble M, Böhm M, Laufs U, Schulz M. Utilization of drugs with reports on potential efficacy or harm on COVID-19 before, during, and after the first pandemic wave. Pharmacoepidemiol Drug Saf 2021; 30:1493-1503. 
[4]    GKV-Spitzenverband. Verordnungsrückgang von Antibiotika während der Corona-Pandemie. 16.09.2021. https://www.gkv-90prozent.de/ausgabe/24/kurzmeldungen/24_gamsi-telegramm/24_gamsi.html. Letzter Zugriff 21. September 2021.
[5]    Ryu S, Hwang Y, Ali ST, Kim D-S, Klein EY, Lau EHY, Cowling BJ. Decreased Use of Broad-Spectrum Antibiotics During the Coronavirus Disease 2019 Epidemic in South Korea. The Journal of Infectious Diseases 2021; 224:949–55.
[6]    Silva TM, Estrela M, Figueiras A, Roque F, Herdeiro MT. A countrywide study in Portugal addressing antibiotic prescription during the COVID-19 pandemic. Abstract No. 480, 12th PCNE working conference ‘Partnering for better patient outcomes: challenges and opportunities 3–6 February2021. https://link.springer.com/article/10.1007/s11096-021-01269-4. Letzter Zugriff 3. November 2021.
[7]    Die Techniker. Weniger Antibiotika-Verordnungen bei Erkältungen. 7.7.2021. https://www.tk.de/presse/themen/arzneimittel/antibiotika-verordnungen-erkaeltugen-brandenburg-2110894. Letzter Zugriff 21 September 2021.
[8]    Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Rote-Hand-Brief zu Fluorchinolon-Antibiotika: Schwerwiegende und anhaltende, die Lebensqualität beeinträchtigende und möglicherweise irreversible Nebenwirkungen. 2019. https://www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RHB/2019/rhb-fluorchinolone.html. Letzter Zugriff 12 Oktober 2021.