Im Jahr 2016 wurden in öffentlichen Apotheken 13,6% weniger Fluorchinolone abgegeben als in 2012
01.02.2018 - Berlin Gradl G Kieble M
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01.02.2017 (DAPI Zahl des Monats Februar 2018) BERLIN. Im Jahr 2016 wurden in öffentlichen Apotheken 13,6% weniger Fluorchinolone zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung abgegeben als in 2012.

Antibiotika vom Typ der Fluorchinolone (früher Gyrasehemmer/Chinolone) sind Hemmstoffe bakterieller Topoisomerasen mit bakterizider Wirkung u. a. gegen Enterobakterien, Haemophilus influenzae, Staphylokokken, Pneumokokken, Pseudomonas aeruginosa, Chlamydien und Mykoplasmen [1]. Zu ihnen zählen Norfloxacin, das hauptsächlich bei Harnwegsinfektionen eingesetzt wird, Ciprofloxacin, welches außerdem bei Atemwegsinfekten zur Verwendung kommt, weiterhin Ofloxacin und Enoxacin sowie die neueren Vertreter Levofloxacin und Moxifloxacin mit erweitertem Wirkungsspektrum. Der Gebrauch der Fluorchinolone, gemessen an den pro Kopf verordneten Tagesdosen, hatte über die Jahre 1997 bis 2010 ständig zugenommen [2]. Die WHO stuft die Fluorchinolone als ‚Watch Group Antibiotics‘ ein, d. h., dass sie aufgrund ihres hohen Resistenzpotenzials als erste oder zweite Wahl nur für spezifische, eingeschränkte Indikationen eingesetzt werden sollten [3]. Ihr Einsatz sollte zudem überwacht werden. Tatsächlich haben viele Erreger, insbesondere E. coli, durch Mutationen ihrer Topoisomerasen inzwischen Resistenzen gegen Fluorchinolone entwickelt. Außerdem können Fluorchinolone die Selektion von multiresistenten Bakterien begünstigen, weshalb ihr Einsatz inzwischen in aktuellen Leitlinien zur Behandlung von Harnwegsinfektionen [4] oder Pneumonien [5] stark eingeschränkt wurde. Dies hängt auch mit dem Nebenwirkungspotenzial zusammen. Eine schwerwiegende Folgeerkrankung von Behandlungen mit Fluorchinolonen ist eine Colitis aufgrund von Clostridium difficile Superinfektionen [6]. Aber auch häufig auftretende andere gastrointestinale Störungen, Verlängerung der QTc-Zeit sowie schmerzhafte Sehnenentzündungen, ZNS-Reaktionen wie Krampfanfälle, Erregungszustände, Verwirrtheit und Halluzinationen, Sehstörungen, Hautreaktionen und Hyperglykämie oder Hypoglykämie zählen zu den Risiken [7].

Das Deutsche Arzneiprüfungsinstitut e. V. (DAPI) hat mithilfe von Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenkassen die Entwicklung der Abgaben von Fluorchinolonen in öffentlichen Apotheken in den Jahren 2012 bis 2016 ausgewertet und mit der Entwicklung der Abgaben aller systemischen Antibiotika im gleichen Zeitraum verglichen. Als Messgröße wurden die definierten Tagesdosen (DDD) pro 1.000 Einwohner pro Tag, ‚Defined daily doses per 1,000 Inhabitants per Day‘ (DID), verwendet. Hierfür wurden für jedes Jahr aus den abgegebenen Packungen aller systemischen Antibiotika (ATC-Code J01) und der Fluorchinolone (ATC-Code J01MA) die jeweils enthaltenen abgegebenen Wirkstoffmengen berechnet und in Bezug gesetzt zur Anzahl versicherter Personen in der gesetzlichen Krankenversicherung aus der KM6 Mitgliederstatistik des Bundesministeriums für Gesundheit. Die Grafik zeigt, dass die Abgaben der Fluorchinolone im Fünfjahreszeitraum um 13,6% zurückgingen (von 1,43 auf 1,24 DID), während sich die Abgabe aller systemischen Antibiotika im Bereich zwischen 14,2 und 15,5 DID bewegte und lediglich jahresbedingte Schwankungen zu beobachten waren (siehe Abb.).

Die Entwicklung bei den Abgaben der Fluorchinolone ist positiv zu bewerten und deutet auf die Umsetzung von Leitlinienempfehlungen hin. Eine frühere Studie hat gezeigt, dass insbesondere bei der Gruppe der über 70-Jährigen in 2014 weniger Fluorchinolone verordnet wurden als in 2008 und dass in den meisten östlichen Bundesländern erheblich weniger Fluorchinolone verordnet werden als in den westlichen, was die Autoren mutmaßen ließ, der Einsatz der Fluorchinolone könne ohne Einfluss auf die Behandlungsqualität weiter reduziert werden [8].


[1]     Aktories K., Förstermann U., Hofmann F.B., Starke K. (Hrsg). Chinolone. In: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. 11. Auflage 2013. Elsevier/Urban&Fischer, München, S. 791-7.

[2]    European Centre for Disease Prevention and Control ecdc.europa.eu/en/antimicrobial-consumption/database/trend-country, letzter Zugriff am 10.1.2018

[3]     WHO Model List of Essential Medicines. 2017, www.who.int/medicines/publications/essentialmedicines/en/, letzter Zugriff am 10.1.2018

[4]    Interdisziplinäre S3 Leitlinie Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei erwachsenen Patienten. Aktualisierung 2017. AWMF-Register-Nr. 043/044 www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/043-044l_S3_Harnwegsinfektionen_2017-05.pdf, letzter Zugriff am 10.1.2018

[5]    S3-Leitlinie Husten. 2014. AWMF-Registernummer 053/013, www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/053-013.html, letzter Zugriff am 10.1.2018

[6]     Lübbert C., Endres J., von Müller L. Clostridium-difficile-Infektion. Dtsch Ärztebl. 2014; 111 (43): 723-31.

[7]    S3-Leitlinie Epidemiologie, Diagnostik und Therapie erwachsener Patienten mit nosokomialer Pneumonie, AWMF-Registernummer 020/013 www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/020-013.html, letzter Zugriff am 10.1.2018

[8]     Bätzig-Feigenbaum J., Schulz M., Schulz M., Hering R., Kern W.V. Outpatient antibiotic prescription – A population-based study on regional age-related use of cephalosporins and fluoroquinolones in Germany. Dtsch Arztebl Int 2016; 113 (26): 454-9.